Die Grundschule Borchshöhe - Kurzporträt einer Bremer Ganztagsschule
„Wir sind GRÜN 2.“ antworten Kübra und Jendrik auf die Frage, in welche Klasse sie gehen. Kübra ist Schülerin im sechsten, Jendrik Schüler im vierten Jahrgang der Ganztagsgrundschule Borchshöhe in Aumund – Hammersbeck, einem Stadtteil im Bremer Norden. Was „GRÜN 2“ ist, warum es auch „GRÜN 1“ und weitere Farben von Bedeutung gibt, erfahren wir auf einem Rundgang mit den beiden durch ihre Schule.
Die Grundschule Borchshöhe ist nicht nur eine gebundene Ganztagsschule, sondern gleichzeitig auch eine 6-jährige Grundschule mit einem besonderen pädagogischen Konzept: Ihre Schülerinnen und Schüler lernen in jahrgangsgemischten Lernhäusern. Was Lernhäuser sind und wie jahrgangsgemischtes Lernen funktioniert, wollen Kübra und Jendrik erklären.
Kübra und Jendrik führen uns durch ihre Schule
Wer Lernhaus GRÜN hört und auf dem Schulgelände nach einem kleinen grün gestrichenen Bungalow Ausschau hält, wird enttäuscht. „Grünes Haus – Mathe 1“ steht auf dem selbst gemalten Schild an einer eher unscheinbar wirkenden Tür auf einem der langen Flure im Schulgebäude. „Hier ist TÜRKIS!“ liest man auf einem Spruchband an der Wand wenige Schritte weiter und vermutet richtig, dass es sich hier um das Lernhaus TÜRKIS handelt.
GRÜN und BLAU, TÜRKIS und ORANGE, GELB und ROT sind die sechs Farben, nach denen an der Grundschule Borchshöhe sechs Lernhäuser benannt sind. In jedem Lernhaus gibt es eine Stufe I und eine Stufe II. Stufe I umfasst die Jahrgänge 0 bis 2, Stufe II die Jahrgänge 3 bis 6.
Nun können wir verstehen, dass „GRÜN 2“ für die Kennzeichnung der Stufe II des Lernhauses GRÜN steht, in dem Kübra und Jendrik gemeinsam mit anderen Schülerinnen und Schülern der Jahrgänge 3 bis 6 lernen. Bleibt die Frage: Wenn Lernhäuser keine kleinen Bungalows sind, was sind sie dann? Um das zu zeigen, nehmen uns Kübra und Jendrik mit hinter die unscheinbare Tür in das geheimnisvolle „Grüne Haus – Mathe 1“.
Wir stehen in einem großen hellen Raum mit Gruppentischen, Regalen voll mit verschiedenen Materialien zum Lernen und Spielen, einem Bereich, der zum Miteinander - Reden einlädt, Landkarten an den Wänden, Bildern, Postern und vielem mehr. Die Kinder vom Lernhaus GRÜN arbeiten und lernen hier. Und, dass Unterricht in dieser Umgebung nicht mehr im herkömmlichen Sinne stattfindet, ist deutlich zu spüren - aber dazu später noch mehr.
Die Mensa lädt zum Verweilen ein
Erst einmal zeigt die Uhr 12:00 und die Kinder vom Lernhaus GRÜN sind auf dem Weg in die Mensa zum Mittagessen. Einige schließen schnell ihre Arbeiten ab, andere räumen ihr Material zusammen. Als alle soweit fertig sind, bekommt Kübra von ihrer Lehrerin den Schlüssel. Sie verspricht, dass sie beim Verlassen darauf achten wird, den Raum sorgfältig abzuschließen, und den Schlüssel im Anschluss im Mitarbeiterzimmer abgeben wird. An der Mensa sind wir kurz zuvor vorbeigekommen. Auch dieser Raum ist groß und hell, neu und wirkt so frisch, dass hier sicherlich mit gutem Appetit gegessen wird. Gerade noch herrschte die „Ruhe vor dem Sturm“. Die Stühle standen auf den Tischen. Das freundliche Küchenpersonal war mit den Vorbereitungen beschäftigt und Jendrik konnte in aller Ruhe erläuterten, wie das mit dem Büffet funktioniert, mit der Mittagspause, die wichtig ist, weil die Kinder ja den ganzen Tag hier in der Schule sind und mit dem Außenangebot im Anschluss. Jetzt werden gleich die ersten hungrigen Schülerinnen und Schüler kommen und mit der Ruhe wird es vorübergehend erst einmal vorbei sein.
„In den Sommerferien wird das Außengelände endlich umgestaltet.“
Zum „Außenangebot“ gab es auch schon erste Eindrücke im Vorübergehen: Auf dem Rundgang haben wir einen Blick nach draußen geworfen auf das Gelände zwischen der Grundschule Borchshöhe und der Dependance des Schulzentrums Lerchenstraße. Kübra berichtete dazu, dass auf diesem Stück des Außengeländes bald etwas passieren wird. „Das hier ist doch nichts für die Erstklässler“, hat sie gesagt, „die Gruppensprecher haben zusammen mit den Eltern und den Lehrern beraten, wie wir den Platz in den Sommerferien umgestalten werden.“ Und sie freut sich schon sehr auf dieses gemeinschaftliche Vorhaben, für das wir viel Spaß wünschen!
Dass die Schule bereits schöne Außenflächen hat, die im Sommer unter anderem als Draußen- Klassenzimmer genutzt werden können, haben die beiden Kinder auch gezeigt. In der Schule gehen die baulichen Veränderungen Schritt für Schritt voran. Das zieht so manche räumliche Veränderung nach sich.
Jedes Kind wird individuell gefördert und lernt in seinem Tempo
„So langsam sind wir wieder ge-setted“, sagt dazu Petra Köster-Gießmann, die Schulleiterin, und ihr Blick zurück macht deutlich, welchen bedeutsamen Weg Schulleitung, Kollegium, pädagogisches Personal, Eltern und Kinder gemeinsam zurückgelegt haben. Auch die Weiterentwicklung und Umsetzung des Schulkonzepts machte manche Umgestaltung notwendig.
Seit 2001 wurde die Schule zunächst zur verlässlichen Grundschule, erprobte den integrierten Schulanfang und die Rhythmisierung des Schulalltags, begann mit der Mischung der Jahrgänge, schaffte die Noten ab, veränderte die Lehrerrolle, richtete Teams ein und entwickelte in einer Kerngruppe einen ersten Konzeptrahmen für eine Schule von morgen.
Doch Frau Köster-Gießmann wollte noch mehr: ihr Handeln als Schulleiterin ist getragen von der Idee, dass die individuelle Förderung eines jeden Kindes nach seinen Möglichkeiten in der Schule möglich gemacht werden muss. „Wir sind eine Schule ohne Noten und ohne Sitzenbleiben. Das Zusammensein in altersgemischten Gruppen erleichtert das Lernen voneinander“, sagt sie – so wie „im richtigen Leben“. Und sie führt aus: „Das Modell der Ganztagsschule lag bei dieser pädagogischen Grundhaltung nahe, denn im Ganztag hat die Schule die Chance, im positiven Sinne zum erweiterten Lebensraum zu werden. Wir haben uns mit dem, was der Kerngruppe bereits als Konzept vorschwebte, im Jahr 2003 ziemlich holterdiepolter beworben, als in Bremen die Ausschreibungen liefen. Unser Glück war, dass dies damals dem Elternwunsch entsprach und eine der offensichtlichsten organisatorischen Veränderungen, nämlich das neue Arbeits- und Präsenzzeitmodell, für die Kolleginnen und Kollegen im Großen und Ganzen kein Problem darstellte.“
„Wir lernen nach dem Prinzip des Lernhauses!“
„Inzwischen sind wir eine gebundene Ganztagsschule mit jahrgangsübergreifendem Lernen, sechs Lernhäusern mit Mentorengruppen, Mentorenprinzip statt Klassenlehrern – die Zuständigkeiten und Verantwortungsbereiche autonom festlegen – und 35 Stunden Präsenzzeit für Lehrkräfte. Das Lernhausprinzip ist angelehnt an das schwedische Modell „Skola 2000“ und dient dazu, innerhalb der großen Schule kleinere übersichtliche und vertraute Einheiten zu schaffen.“ So steht es nun im Schulprogramm und man kann sich vorstellen, dass der Weg dorthin bei allen Beteiligten im Kollegium von einer kontinuierlichen Reflexion der eigenen Rolle begleitet war. Wir beginnen auch, zu verstehen, dass Lernhäuser eher eine Organisationsform und „Haltungsfrage“ sind und keine Bungalows sein müssen.
Das Prinzip des Lernhauses hat etwas mit der Art und Weise zu tun, wie gelernt wird, und damit, wie das Lernen in das Leben eingebunden ist. Die Mädchen und Jungen der Grundschule Borchshöhe und alle beteiligten Erwachsenen lernen täglich dazu, sie überprüfen ihre Arbeit, sprechen miteinander und bemühen sich darum, es beim nächsten Mal noch ein bisschen besser
zu machen. Jeder und jede auf eine persönliche Art bezogen auf die Aufgabe, die ansteht.
Kübra und Jendrik erklären, wie das bei den Kindern geht: „Wir haben Kästen, wo alle Sachen drin sind. Die bleiben hier in der Schule, weil wir ja keine Hausaufgaben kriegen. Wir haben Wochenpläne, nach denen wir lernen, mit Zielen und so. Gerade haben wir auch noch ein Forschungsthema, das heißt „Kleidung“. Und die im gelben Haus machen gerade Licht – Wasser –
Optik als Projekt.“ Sie zeigen ihre Wochenpläne, die Tagesübersichten, auf denen jedes Kind noch einmal nachlesen kann, welche individuelle Angebote heute dran sind, und den Jahresplan, der gut sichtbar für alle an der Wand hängt.
„Wichtig ist, dass die Kinder lernen, sich selbst einschätzen zu können. Lehrkräfte stellen individuelle Lernprogramme zusammen, begleiten die Schülerinnen und Schüler bei ihren Lernprozessen und gestalten die Lernumgebung“, sagt Frau Köster-Gießmann. Für Kübra und Jendrik bedeutet das, dass in ihren Wochenplänen ganz auf sie zugeschnittene Aufgaben stehen, die sie zusammen mit ihren Mentorinnen festgelegt haben. Je älter sie werden, desto stärker werden sie in ihre Lernplanung mit einbezogen. „Mittwochs besprechen wir immer, wie weit wir sind, und was wir noch machen müssen“, erklärt Kübra.
„Gelerntes soll im Alltag immer wieder angewendet werden.“
„Für die Lehrerinnen und Lehrer und die pädagogischen Kräfte an der Schule ist es eine der zentralen Herausforderungen, dass wir die inhaltliche Arbeit immer weiter verbessern“, beschreibt Frau Köster-Gießmann kurz das, was sie aktuell beschäftigt. „Die Kinder brauchen natürlich Grundqualifikationen, aber darüber hinaus sollten sie jede Menge Anlässe haben, sie anzuwenden und mit Dingen aus ihrem täglichen Leben verknüpfen.“ Seit ungefähr eineinhalb Jahren stehen daher projektorientiertes und fächerübergreifendes Lernen im Focus, Themen für das ganze Jahr und der „Markt der Möglichkeiten“ als Börse für den Erfahrungs-, Planungs- und Materialaustausch der KollegInnen untereinander.
Dass das schon heute an vielen Stellen gut klappt, zeigt Jendriks begeisterter Bericht über „Borchis Frühstück“ – einem Projekt mitten aus dem Leben, das sich ergeben hat aus der Frage, wie sich eine Klassenfahrt nach Langeoog finanzieren lässt.
Im Ergebnis hat eine Bank 100 € gesponsert, die Lehrerin hat eingekauft, die Kinder haben Brötchen geschmiert und sie in der Schule verkauft. Der Erlös ist in die Klassenfahrt geflossen.
Und weil das so gut geklappt hat, haben sie das ganze wiederholt und haben davon Regale angeschafft, die sie nötig brauchten und auf die sie jetzt besonders stolz sind. „Ich musste ausrechnen, wie viel Geld wir brauchen würden“, sagt Jendrik, „und andere Kinder haben ausgemessen, wie viele Regale an die Wand passen.“
Jetzt drängt die Zeit – in der Mensa wartet der Mittagstisch auf Kübra und Jendrik und dann ist Schulschluss und Wochenende. Jetzt noch schnell den Schlüssel abgeben.
Die Erweiterung des Konzepts bis Klasse 10 – der große Wunsch der Schule
Auf dem Weg ins Lehrerzimmer erhaschen wir einen schnellen Blick auf die Kindergartenkinder und zukünftigen Schulkinder, die gerade zurück in ihren Kindergarten gehen. Sie kommen ab Herbst immer freitags am Vormittag in die Schule und sammeln ihre ersten Schulerfahrungen. Später bekommen sie ein für sie ausgearbeitetes Programm, an dem sie auch noch weiterarbeiten können, wenn sie schon in der Schule sind.
Zum Abschluss äußert Frau Köster-Gießmann noch ihren größten Wunsch für die Zukunft: „Wir haben das gemeinsame Lernen der Jahrgänge 0 bis 6 erprobt, haben sehr gute Erfolge damit. Wir wollen dieses Modell bis zum 10. Jahrgang erweitern – im Übrigen eine Forderung, die bildungspolitisch immer wieder erhoben wird. Nun hoffen wir auf ein baldiges OK durch die senatorische Behörde. Wir wissen wie indivualisiertes Lernen für jedes Kind funktionieren kann und stehen in den Startlöchern für neue Aufgaben.“